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Einführung

von Tilman Rothermel

zur Ausstellung „Inwendig“ 13.1. – 29.1.2017
GALERIE am schwarzen meer, Bremen

Man sieht Genähtes, Gedrucktes und Gesticktes, Hervorgehobenes, Ja, Schiefes, Versetztes. Man sieht Gesichter, Gliederpuppenartige Gestalten, Knochenmännchen, Turner am Reck, man sieht ungegenständliche Formen,  collagierte Elemente, gedruckte Flächen, Tiefdruckflächen, betonte Ränder, man sieht den Lappenton. Und seltsamer weise kann man mit diesem Begriff aus der Druckersprache schon einiges anfangen um der Künstlerin und ihren Werken näher zu kommen. Bei einer Radierung hat man ja die vertieften Spuren auf der Metallplatte, in die die Farbe hinein gerieben wird. Eine Kunst des Druckens besteht nun darin, beim sogenannten Auswischen die Farbe in den Vertiefungen stehen zu lassen, sie aber dort, wo man keine Farbe haben will, sie so mit einem zu einem Ballen geformten Lappen wegzuwischen, sodass möglichst wenig Farbe auf der metallischen Oberfläche stehen bleibt, sie aber eben auch nicht aus den Vertiefungen wieder herausgewischt wird. Das, was dann trotz aller Wischkunst an Farbe auf der Oberfläche zurückbleibt, – oder auch zurückbleiben soll – ist dann beim Druckergebnis der „Lappenton“. Bei Nanja Heid spielt dieser Lappenton eine ganz wesentliche gestalterische Rolle und ist sozusagen das Bindeglied zu einem ihrer ganz besonderen bildnerischen Trägermaterialien: dem Textil, ja vielleicht sogar: dem „Lappen“. Anders als bei den Papierarbeiten strahlen die auf Textil gearbeiteten Werke eher etwas Weiches, Anschmiegsames aus, und natürlich sind diese textilen Untergründe eine Erfindung einer Künstlerin, die sich auskennt in der Welt der unterschiedlichen Stoffe, da kommen ihr ihre Kenntnisse aus den Jahren der Textilgestaltung, des Umgangs mit Stoffen und deren haptischen Qualitäten wie ihre Erfahrung aus ihrer Tätigkeit als Modedesignerin zu Gute. Ihre Ausstellung hier nennt Heid „Inwendig“. Auch das ist natürlich erst einmal im textilen Bereich von großer Bedeutung. Stoffe und Kleider erscheinen für den Außenstehenden als ein visuelles Ereignis, als ein Element in einem situativen Kontext, vielleicht als einem „eye-catcher“. Aber: man trägt Kleider eben auf der Haut. Der Kontakt mit den Stoffen auf der Haut ist eine Qualität sinnlicher Berührungserlebnisse, bei jeder Bewegung spürt man den Stoff, der einen umhüllt. Das Innen und das Außen ist für Nanja Heid von Bedeutung, wie das Nähen, wo Ober- und Unterfaden zusammenkommen um normalerweise zwei Stoffteile miteinander zu verbinden. Wenn die Spannung von Ober und Unterfaden nicht richtig aufeinander abgestimmt ist, dann kommt es normalerweise zu unerwünschten Ergebnissen. Hier bei Nanja Heids Werken liegt hierin gerade das Spannungsvolle. Sie benutzt ganz unorthodox die Näharbeit zum Zeichnen mit der Maschine, die Naht, einer Linie vergleichbar, fest und unverrückbar, wird hier bei Heids Arbeiten zu einem labilen, teilweise fast amorphen und doch im Ausdruck äußerst präzisen Gestaltungselement. Und der überschüssige Faden, selbst eine Linie, legt sich in eigenwilliger Weise darum herum, er kommt aus der textilen Verankerung der Naht und macht sich selbstständig. „Die Gedanken sind frei“ fällt mir dazu ein: So frei sind diese nämlich auch nicht: auch wenn sie phantasievoll irgendwo hin führen können, kommen sie doch ganz präzise von irgendwo her: nämlich von dem Menschen mit seiner Gedankenwelt, der die Idee in die Welt setzt. Diese Vielschichtigkeit ist für die Künstlerin eine zentrale Aufgabenstellung: Sie erfährt sich selbst als den fokussierten Ausgangspunkt für nach außen hin ganz unterschiedlich wirkende künstlerische Äußerungen, denn was sie hier sehen, sehr geehrte Damen und Herren, das sind nur Bruchteile dessen, was Nanja Heid sonst noch im Schilde führt. Sie experimentiert ebenso mit dem Tiefdruck wie mit der Nähmaschine, mit Figurativem ebenso wie mit Ungegenständlichem. Sie kombiniert verschiedene Materialien, versucht Verbindungen herzustellen zwischen den Ausdruckswerten der unterschiedlichsten Elemente. So gestaltet sie ebenso Klangkörper wie elektronische Soundeffekte und macht Filmexperimente. All diese unterschiedlichen Äußerungen – und dieses Wort nehme ich jetzt ganz in seinem eigentlichen Sinn – sind Ausformulierungen einer permanenten künstlerischen Suche. Eine ‚Äußerung‘ kommt immer von innen. Die Möglichkeiten menschlicher Äußerungen sind vielfältig, wir kennen das alle in welch unterschiedlicher Weise wir uns äußern können. Doch das von Innen nach außen gebrachte – eben die Äußerung – braucht eben auch immer eine Form, eine Formulierung. Man muss das Inwendige nach außen stülpen, muss dem Innen eine Form geben, dass es nach außen wirksam wird. Das Inwendige befindet sich im Inneren, auf der Innenseite, also eben auch im Verborgenen. Man kann darin vielleicht auch den Begriff der Seele sehen, etwas, das mehr ist als Haut und Knochen, etwas das ganz und gar dem einzelnen Menschen oder Lebewesen angehört. Für den Außenstehenden unsichtbar, für einen selbst ständige Begleitung, wenn nicht wesentlicher Teil der Essenz unserer Person. Eine kleine Randbemerkung: „Person“ kommt von dem lateinischen „personare“, was so viel bedeutet wie hindurchklingen, hindurchtönen… Die Person als Klangkörper des Inwendigen… Vielleicht ist da ja was dran. Und dieses Inwendige sucht Nanja Heid in ihrem Schaffen. Sie gibt ihm die Form, die in den vielen möglichen Facetten dieses Eine – ihre innere Einheit – zur Anschauung bringen kann, Hier in dieser Ausstellung sehen Sie nur einen Teil dieser Möglichkeiten, einen ganz besonderen allerdings, der uns ahnen lässt, was bei dieser jungen Künstlerin alles noch möglich erscheint.